RETTUNG DER SCHULE DES HL. GEORG, MOSKAU


SCHWERSTBEHINDERTE KINDER KÖNNEN WEITER IHRE SCHULE BESUCHEN
 
Eines der Hauptziele des Sozialforums ist Unterstützung und Schutz für russische soziale NGOs bei unbegründeten und andauernden Behinderungen durch staatliche Strukturen. Ende April wandte sich die Leiterin der Schule des Hl. Georg für schwerst- und mehrfachbehinderte Kinder in Moskau an das Sozialforum. Die Stadtteilsbehörden hatten für das jahrelang aus eigener Kraft aufwendig sanierte Gebäude der Schule einen Räumungsbefehl zum 17. Mai erteilt. 52 schwerstbe-hinderte Kinder sollten mitten im Schuljahr ohne Chance, irgendwo anders aufgenommen zu werden, auf der Straße landen. Eine Schule, die als Basis für wissenschaftlich begleitete Erprobungen neuer heilpädagogischer Modelle seit knapp 20 Jahren für ganz Russland von Bedeutung ist, stand vor der Zwangsschließung. Einige Eltern protestierten beim Leiter der Stadtteilsbehörde. Der aber fertigte sie damit ab, dass sie dankbar sein sollten, dass Russland ihre behinderten Kinder überhaupt unterstütze. Hitler habe solche nutzlosen Leute „in der Grube versenkt“…
BRIEFE AN DEN PRÄSIDENTEN, DUMA-ABGEORDNETE, MOSKAUER AMTSTRÄGER
 
Das Sozialforum benachrichtigte umgehend Michail Fedotov, und dieser forderte die Schule und das Sozialforum auf, die Sachlage sofort in Briefen an den scheidenden Präsidenten Medwedew zu schildern. Diese übergab er bereits am nächsten Morgen direkt in die Hände des Präsidenten. Briefe an Menschenrechtsbeauftragte, Duma-Abgeordnete u.a. Amtsträger folgten. Weitere Mitstreiter aus dem Sozialforum, darunter Dr. Thomas Maschke, Leiter der deutschen Partnerschule, Gabriele Osing vom ASB, Prof. Denis Jdanoff von der Dualen Hochschule Heilbronn sowie der Europaabgeordnete Knut Fleckenstein schrieben oder organisierten weltweit Unterstützungsschreiben von heilpädagogischen Einrichtungen, aus Emigrantenkreisen in ganz Westeuropa, von diversen Institutionen und aus der Politik an föderale und Moskauer Entscheidungsträger. Die Stadtteilsbehörden, das Moskauer Bürgermeisteramt und die Präsidialverwaltung erhielten Emails aus aller Welt, in denen die Einzigartigkeit dieser Schule geschildert wurde. Die „Young Leaders“ im Club-Forum des Deutsch-Russischen Forums schrieben an den designierten Präsidenten Putin.
DIE ELTERN WERDEN AKTIV

Diese sichtbare öffentliche Unterstützung ermutigte die Eltern, in ungeahnter Weise aktiv und organisiert das Schicksal der Schule in die eigenen Hände zu nehmen. In kürzester Zeit wurden drei Petitionen an Präsident Putin online gestellt, die weltweit von mehr als 2000 engagierten Bürgern unterzeichnet wurden. Darauf aufbauend vermochten die Eltern ein völlig neues Interesse der Medien an sozialen Fragen und der Behindertenthematik zu wecken.
GESELLSCHAFTSKAMMER
 
Am 14. Mai kam es in der Gesellschaftskammer Russlands zu einer von den Eltern intendierten Öffentlichen Anhörung in der Sache der Schule. Thema: „Über die Zugänglichkeit der Bildungs-, kulturellen und sozialen Sphäre für Menschen mit physischen und mentalen Gesundheitseinschränkungen“. Vertreter der Departements für Bildung, für Soziales und für Kultur der Stadt Moskau sowie die Leitung der Schule, Eltern behinderter Kinder und Vertreter sozialer NGOs nahmen teil. Einige Mitglieder der Gesellschaftskammer wollen künftig in Zusammenarbeit mit führenden Wissenschaftlern und sonderpädagogischen Einrichtungen aus dem Vorfall einen russlandweiten Präzedenzfall schaffen über die Situation von Kindern und jungen Erwachsenen mit so schweren mentalen Behinderungen, dass eine selbständige Lebensführung ausgeschlossen ist. Solche Menschen fallen in Russland durch alle sozialen Netze, wenn sie nicht in geschlossenen Nervenanstalten leben. Von der Gesetzgebung bis zur Einrichtung neuer Therapie-, Bildungs- und Lebensangebote müssen für diese Menschen ganz neue Strukturen aufgebaut werden, um die Begleitung der Kinder und ihrer Familien von der Geburt über das Aufwachsen in der Familie und das betreute Wohnen und Arbeiten als erwachsene Schwerbehinderte bis zum Tod zu gewährleisten.
POSITIVES VORGEHEN STATT KONFRONTATION

Als außerordentlich fruchtbar erwies sich die positive Vorgehensweise aller Mitstreiter: Niemand wurde öffentlich angeprangert. Stattdessen wurde die Schule als eine im Bildungsbereich russland-, europa- und weltweit bekannte und hoch geschätzte Facheinrichtung vorgestellt. Öffentlicher Zuspruch humanwissenschaftlicher Hochschulen bestätigte das. Dieser Ansatz ermöglichte es Amtsträgern, aus Stolz auf eine so herausragende und international anerkannte russische pädagogische Einrichtung wohlwollend zu reagieren: Mitte Mai wurde der Nutzungsvertrag zunächst um ein Jahr verlängert, und Anfang September konnte die Schule einen 10jährigen Vertrag über die kostenlose Nutzung des Gebäudes abschließen. Der Leiter der Stadtteilsbehörde, der den Hitlerausspruch tätigte, musste das Amt verlassen.