INKLUSION

Dr. Thomas Maschke
 
Der Begriff der „Inklusion“ ist eng mit dem „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ von 2006 (auch UN-Behindertenrechtskonvention = „BRK“ genannt) verknüpft.

Durch die Ratifizierung erlangen die Vereinbarungen dieser Konvention in den unterzeichnenden Staaten Rechtsgültigkeit, d.h. die hier garantierten Rechte müssen durch die Vertragsstaaten sichergestellt bzw. eingelöst werden.
 

INKLUSION – EIN GESAMTGESELLSCHAFTLICHER ENTWICKLUNGSAUFTRAG
 
Jenseits der Rechtsebene bezeichnet der Begriff der Inklusion einen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsauftrag, eine „humanitäre Vision“: „die Hoffnung auf die gleichberechtigte, gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen, ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer sozialen und kulturellen Herkunft, ihrer sexuellen Präferenzen, ihrer Begabungen oder eben auch ihrer Behinderung. Wir sehen diese Thematik eingebettet in die Frage, wie Gesellschaften mit der Gleichheit und der Unterschiedlichkeit ihrer Mitglieder umgehen“ (Katzenbach/ Schroeder 2007). Diese neueste Menschenrechtskonvention ist somit als eine Spezifikation der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte von 1948 zu verstehen, welche in Artikel 1 formuliert: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Für und mit der größten Minderheit weltweit, nämlich Menschen mit Beeinträchtigungen, wurde nunmehr (2006) die BRK erarbeitet, welche auch in einer Folge mit der Kinderrechtskonvention aus dem Jahr 1989 steht.
 

SELBSTBESTIMMUNG, TEILHABE UND INKLUSION
 
Was ist das Neue der Behindertenrechtskonvention? Sie formuliert drei zentrale Qualitäten im Leben der betroffenen Menschen, nämlich „Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion“ (Bundesregierung 2009, 2).  Diese Qualitäten wiederum werden als synonym mit den großen Idealen aus der Menschheitsgeschichte gesetzt: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Letzterer Begriff Brüderlichkeit (oder aktuell eher mit „Geschwisterlichkeit“ zu übersetzen) korrespondiert mit dem Begriff der Inklusion. Damit ist die Richtung (und das Neue im Gegensatz zum bisher gebräuchlichen Begriff der „Integration“) ausgesprochen: die Gesellschaft als Ganzes schließt niemanden aufgrund seines „So-Seins“ aus, heißt alle Menschen aufgrund der ihr genuin innewohnenden Würde willkommen. Vielfalt, Diversität, Heterogenität sind so zu positiven Werten erhoben und nehmen das Gemeinwesen – und damit wiederum letztlich an jede/ Einzelne/n – in die Verantwortung dafür, dass niemand ausgeschlossen wird oder bleibt.
 
Die Geltungsbereiche sind u.a. „Bildung“ (Art. 24), „Gesundheit“ (Art. 25), „Arbeit und Beschäftigung“ (Art. 27) sowie „Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben“ (Art. 29).
 

PARADIGMENWECHSEL IM BILDUNGSBEREICH
 
Im Bereich Bildung wird von einem Paradigmenwechsel gesprochen, welcher durch den Blickwechsel von der „Integration“ zur „Inklusion“ eingeleitet wurde. Hinz (2004) benennt die grundlegenden Unterschiede für den Bereich der schulischen Bildung. So sei es im Falle inklusiver Praxis nicht mehr die pädagogische Aufgabe, Kinder mit einem bestimmten „Förderbedarf“ in die allgemeine Schule einzugliedern (= Integration), sondern vielmehr auf der Basis einer Schule für alle Kinder (z.B. eines Wohnbezirkes) zieldifferente Unterrichtsformen zu entwickeln, im Lehrerteam zu arbeiten und sich mit den jeweiligen Kompetenzen zu unterstützen. Hiervon profitieren letztlich alle Kinder, nicht nur diejenigen mit dem Attribut „behindert“.
 
Diese neuen Schul- und Unterrichtsformen gilt es zu entwickeln. Im Austausch von Institutionen, die sich im o.g. Sinn „auf den Weg machen“, liegt eine große Chance der Entwicklung im Prozess.
 
 
Dr. Thomas Maschke, Überlingen
Dozent an der Pädagogischen Hochschule Mannheim
Schulleiter der Kaspar-Hauser-Schule für Erziehungshilfe
Koordinator der Themenbereiche
mentale  Behinderung, Integration, Inklusion
des Sozialforums
 
 
Literatur:
- Die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen (2009): alle inklusive! Die neue UN-Konvention, Berlin
- Hinz, Andreas (2004): Entwicklungswege zu einer Schule für alle mit Hilfe des `Index für Inklusion´, in: Zeitschrift für Heilpädagogik 5/2004
- Katzenbach, Dieter und Schroeder, Joachim (2007): „Ohne Angst verschieden sein können" - Über Inklusion und ihre Machbarkeit, http://bidok.uibk.ac.at/library/inkl-01-07-katzenbach-angst.html (15.09.2012)