IDEE

 
Seit Beginn der Perestroika entstanden mehrere hundert Partnerschaften zwischen deutschen und russischen sozialen Einrichtungen oder Initiativgruppen besorgter Bürger. Engagierte Russen und Deutsche arbeiten hier teilweise seit über 20 Jahren zusammen, um Menschen mit Behinderungen, Straßen- und Heimkinder, alte und hilflose Menschen, strafgefangene Jugendliche oder Opfer von häuslicher Gewalt aufzufangen, aufzubauen, auf ein möglichst selbständiges Leben vorzubereiten oder menschenwürdig zu versorgen.
Im Gebiet Moskau betreuen „Sestry miloserdija“ und „Sostradanije“ alte Menschen und Gulag-Opfer, die „Schule des Hl. Georg“ wird von schwer- und mehrfachbehinderten Kinder besucht, das Auffangheim „Phönix“ nimmt Straßenkinder auf und das Zentrum „Perspektiva“ engagiert sich russlandweit beim Aufbau sozialer Projekte. In St. Petersburg gibt es den Zirkus „Upsala“ für Straßenkinder und „Perspektiven“ für Menschen mit schwersten Einschränkungen. In Pskov entstanden für Menschen mit mentalen Behinderungen Einrichtungen für eine altersgerechte Förderung von der Geburt bis ins Erwachsenenleben. Im Gebiet Krasnodar betreut die Fraueninitiative „Nadezhda“ in Kosakensiedlungen Opfer häuslicher Gewalt. Bei Rjazan entstand das erste Rehabilitationszentrum für strafgefangene Mädchen. Im Gebiet Irkutsk arbeiten zwei soziale Dörfer für schwerbehinderte Erwachsene und im Gebiet Brjansk „Radimitshi“ für Tschernobylkinder.

Vielerorts konnten Versorgungs-, Rehabilitations-, Lebens- und Arbeitsstrukturen für benachteiligte, ausgegrenzte oder hilflose Menschen geschaffen werden, die es so in Russland nie gegeben hat. Gemeinsame Modelle innovativer praktischer Sozialarbeit entstanden, deren Arbeitsergebnisse für die Modernisierung des sozialen Bereichs in Rußland ebenso wie für die Weiterentwicklung von Einrichtungen in Deutschland von großem Interesse sind.

Der größte Teil deutsch-russischer sozialer Partnerschaften arbeitet sehr isoliert. Dadurch gehen wertvollste Erfahrungen und Erkenntnisse für andere Facheinrichtungen verloren.

Das Deutsch-Russische Sozialforum setzt sich das Ziel, die Erfahrungsschätze der sozialen Partnerschaften zu sammeln, zu bündeln und Fachleuten breit zugänglich zu machen. Dafür möchten wir die aktiven deutsch-russischen Partnerschaften über diese Internetplattform erstmals zentral erfassen, präsentieren, vernetzen und die Entstehung neuer Partnerschaften im sozialen Bereich anstoßen.

Dabei ist das Sozialforum offen für alle nichtstaatlichen und staatlichen sozialen Einrichtungen und Dienste, die an einem Austausch mit Kollegen aus dem anderen Land interessiert oder auf der Suche nach einer Partnereinrichtung für ein neues Projekt sind.

Die Innovationen, die deutsch-russische Partnerschaften seit Jahrzehnten im sozialen Bereich praktisch, zielgerichtet und oft mit großer lokaler Wirkung durchsetzen, sind getragen vom Geiste der Modernisierungspartnerschaft, die der Petersburger Dialog 2008 beschlossen hat. Daneben wird seit über zwanzig Jahren durch die vielfältigen, intensiven menschlichen Begegnungen in den sozialen Partnerschaften auf breiter Basis ein unschätzbarer Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Völkern, zum Zusammenwachsen unserer Kulturen und zum Aufbau des gemeinsamen europäischen Hauses „von unten“ geleistet.

Trotzdem findet die Arbeit auch heute noch fast unbemerkt von Gesellschaft, Politik und Medien statt, die bilateralen Bürgerbeziehungen im sozialen Bereich kaum Gewicht beimessen. Mit Hilfe des Petersburger Dialogs möchte das Sozialforum sozialen NGOs zu dem öffentlichen Gewicht verhelfen, das sie insbesondere im deutsch-russischen Kontext verdienen.

Der Petersburger Dialog wird durch die Durchlässigkeit für Impulse von der Basis, die das Sozialzentrum auszeichnen, und durch das Element unmittelbarer Menschlichkeit bereichert werden. Denn im Zentrum der gesamten Tätigkeit des Sozialforum stehen weder politische Ziele noch elitäre Ideen.

Im Zentrum steht der Mensch. Jeder Betreute unserer sozialen Organisationen.