GELEITWORTE ZUM ABSCHLUSSBERICHT

Anne Hofinga,
Verantwortliche Sekretärin und Initiatorin
des Deutsch-Russischen Sozialforums
 
Die UN-Behindertenrechts-Konvention, die Russland 2012 und Deutschland 2009 ratifizierten, fordert unter anderem, dass Kinder und Studenten mit Behinderungen gemeinsam mit ihren gesunden Gleichaltrigen Kindergärten besuchen und in Schulen, Freizeiteinrichtungen und Hochschulen lernen. Die Entwicklung und Einführung einer Allgemeinen Inklusiven Pädagogik ist unabdingbar. Das bedeutet nicht weniger als eine grundlegende Transformation des bestehenden Bildungswesens beider Länder. Den Herausforderungen dieser Generationenaufgabe widmeten sich über 300 russische und deutsche Spezialisten aus Wissenschaft und Praxis, die vom 24.-26. Juni 2013 in Moskau am I. Internationalen Kongress  "Herausforderung Inklusion?"  des Deutsch-Russischen Sozialforums im Rahmen des Petersburger Dialogs teilnahmen. In diesem Bericht legen wir die Ergebnisse des Kongresses und die gemeinsame Resolution vor.

Der Kongress fand ein breites Echo in der Öffentlichkeit. Zivilgesellschaftliche Organisationen begrüßten das Konzept des Sozialforums, grundsätzlich eine konstruktive Zusammenarbeit mit staatlichen Strukturen anzustreben. Dieses Konzept führte auch zum großen Erfolg des Kongresses, der von russischen und deutschen nichtstaatlichen und staatlichen Hochschulen gemeinsam organisiert wurde und Vertreter zivilgesellschaftlicher und staatlicher Facheinrichtungen zum Dialog auf Augenhöhe zusammenführte.

Elena Zhemkova
Geschäftsführerin der
Internationalen Menschenrechtsorganisation „Memorial“,
 
Elena Zhemkova charakterisierte den Erfolg des Sozialforums so: "Man muss vor allen Dingen erkennen, in welchem Kontext dieser Kongress stattfand und das Sozialforum arbeitet. Man darf nicht glauben, dass die Jagd auf ausländische Agenten in Russland nur Menschenrechtsorganisationen betrifft. Indirekt sind alle NGOs betrof-fen, weil Fördersummen ausfallen oder pauschale Verurteilungen in der Presse erscheinen. Viele verfallen in depressive Verfassungen. Eine soziale NGO wollte z.B. ein Seminar mit einem ausländischen Experten durchführen, aber die Teilnehmer bekamen Angst und kamen nicht. Und solche Angst breitet sich vor dem Hintergrund unserer Geschichte in Russland wieder aus. Die NGOs beginnen sich sogar vor Dingen zu fürchten, die völlig harmlos sind, wie z.B. die Teilnahme eines deutschen Experten an einem Seminar. Und in diesem Kontext, dem Zustand von Depression in der Zivilgesellschaft, ist das, was hier im Rahmen des Sozialforums gelang, nicht hoch genug einzuschätzen. Der Kongress steht jetzt da als leuchtendes Beispiel gelungener internatio-naler Zusammenarbeit und als Beispiel dafür, dass man sich vor der  zusammenarbeit mit Ausländern nicht fürchten muss. Wir brauchen jetzt Resultate, an denen NGOs sich wieder aufrichten können. Und dieser Kongress ist ein solches Resultat. Das dürfen wir auf keinen Fall wieder verlieren, wir müssen es nutzen!"

Durch zivilgesellschaftliche und staatliche Kooperationen wie bei diesem Kongress lassen sich langfristig die Ängste staatlicher Strukturen vor zivilgesellschaftlichem Engagement abbauen. Gleichzeitig lassen sich der Öffentlichkeit die Anliegen und Aufgaben zivilgesellschaftlicher Organisationen greifbar vermitteln. So kann es gelingen, NGOs stärker im Volk zu verankern, das heute viel zu wenig über die Ziele und den Nutzen von NGOs weiß und sich deshalb nicht hinter sie stellt. Erst eine starke Verankerung im Volk wird für zivilgesellschaftliche Organisationen zu dauerhaftem Schutz vor staatlichem Druck führen.