ARMUT UND OBDACHLOSIGKEIT


ARMUT IN DEUTSCHLAND

Gerd Häuser

Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Selten aber war der Reichtum in unserer Gesellschaft so ungleich verteilt. Armut in Deutschland ist für bis zu 12 Millionen Bürgerinnen und Bürger eine Tatsache. Betroffen sind vor allem Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende mit Kindern und kinderreiche Familien sowie Senioren, deren Rente unterhalb des Existenzminimums liegt. Viele von ihnen könnten ohne die finanzielle Unterstützung des Staates und die Hilfe von Hilfsorganisationen kaum am normalen Leben teilnehmen.

Aber auch immer mehr Arbeitnehmer gelten als arm. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig. Eine davon ist die „Flexibilisierung des Arbeitsmarktes“, die die Politik vorangetrieben hat. Die Folge: Der Anteil prekärer Arbeitsverhältnisse ist hoch. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) arbeiten heute zehn Millionen Arbeitnehmer in Teilzeit. Das sind bereits 26 Prozent aller Erwerbstätigen. Die Mehrheit von ihnen sind Frauen. Viele von ihnen würden lieber heute als morgen Vollzeit arbeiten, denn ihre Teilzeit-Einkommen reichen oft nicht aus. Das gilt insbesondere für Alleinerziehende.

Doch auch wer Vollzeit arbeitet, ist heute nicht mehr vor Armut geschützt. Über 3 Millionen dieser Arbeitnehmer arbeiten für einen Stundenlohn von weniger als 7 Euro. Mehr als eine Million von ihnen erreicht noch nicht einmal 5 Euro pro Stunde. Dazu zählen Friseurinnen, Reinigungskräfte, Wachleute und viele andere. Vor allem Menschen mit geringer Bildung oder ohne Schulabschluss finden nur schlecht bezahlte Jobs. Diese Arbeitnehmer sind auf Trinkgelder und zusätzliche Hilfen vom Staat angewiesen (HartzIV-Aufstocker), um über die Runden zu kommen.

ARMUTSPOLITIK, ARMUTSBEKÄMPFUNG

Die Politik strebt aus Sicht unserer Organisation für viele soziale Probleme noch keine grundsätzlichen Lösungen an. Ob Kinderarmut, Altersarmut, prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder die Arbeitsmarktchancen Alleinerziehender. Eine sinnvolle Strategie zur Bekämpfung der Armut in Deutschland scheint es nicht zu geben. Grundsätzliche politische Veränderungen sind unumgänglich, wenn man Armut erfolgreich bekämpfen wolle.
Die Bundesregierung muss mehr tun, um allen Menschen eine wirkliche Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen und sozialen Leben zu eröffnen. Es gilt, den Wohlstand in unserem Land gerechter zu verteilen, z.B. indem Steuern auf Vermögen und Finanztransaktionen eingeführt werden. Diese Einnahmen könnten sinnvoll verwendet werden, um den Sozialstaat und unsere Gesellschaft weiterzuentwickeln.
Eine Bildungspolitik vom Kindergartenalter an und kostenlose Mittagsmahlzeiten für alle Kinder in Kitas und Schulen sind das Mindeste. Wir müssen es schaffen, allen Kindern gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen – egal, wie einkommensstark ihre Eltern sind. Ob Kita-Platz, Musikunterricht, die Mitgliedschaft im Sportverein oder Nachhilfeunterricht. Bildung und Kultur müssen allen Kindern gleichermaßen zugänglich sein. Eine gute Bildung ist der beste Schutz gegen Armut.

WAS TAFELN FÜR BEDÜRFTIGE LEISTEN

In Deutschland gibt es Lebensmittel im Überfluss. Und zwar mehr, als die Kunden in den Supermärkten kaufen. Die Tafeln, das sind fast 900 sind gemeinnützige Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, einwandfreie Lebensmittel vor der Vernichtung zu bewahren. Etwa 50.000 Menschen engagieren sich ehrenamtlich bei den Tafeln. Sie sammeln die überschüssigen Lebensmittel ein und reichen sie dann kostenlos oder gegen einen kleinen Obolus an 1,5 Millionen bedürftige Bürger in ihrer Stadt weiter. Die Tafeln können und wollen keine Vollversorgung leisten. Der Staat ist in der Pflicht für ein menschenwürdiges Existenzminimum zu sorgen. Die Lebensmittelspenden der Tafeln sind eine wichtige zusätzliche Hilfe. Wer sie bezieht, spart Geld, das er an anderer Stelle dringend braucht. Die Tafeln und der Bundesverband finanzieren sich ganz überwiegend durch private Spenden.

Gerd Häuser
Vorsitzender Bundesverband Deutsche Tafel e.V.