ABSCHLUSSBERICHT

Dr. Thomas Maschke
Initiator des
des Deutsch-Russischen Sozialforums

Das Deutsch-Russische Sozialforum im Rahmen des Petersburger Dialogs veranstaltete vom 24. – 26. Juni 2013 in Moskau den Fachkongress „Herausforderung Inklusion?“ – Internationaler wissenschaftlicher Diskurs zu neuen pädagogischen Entwicklungen in Folge der „UN-Behindertenrechts-Konvention“. Das Sozialforum versteht sich als Basis, zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit zwischen deutschen und russischen NGOs aus dem Bereich praktischer Sozialarbeit zu ermöglichen und zu stärken. Die Themen „Bildung von Menschen mit Beeinträchtigungen“ sowie „Inklusion“ werden hier für die deutsche Seite von Dr. Thomas Maschke verantwortet. Die Idee zu einem Fachkongress entstand auf dem Gründungsseminar des Sozialforums im November 2011 in Samara an der Wolga. Die Entwicklungen in beiden Staaten auf zivilgesellschaftlicher Ebene sollten ebenso in den Blick genommen werden wie der fachwissenschaftliche Austausch zu diesem Themenbereich.
Partner in der Vorbereitung und Durchführung des Kongresses waren auf deutscher Seite das Mannheimer Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität sowie die befreundete Fakultät für Sonderpädagogik der Staatlichen Humanwissenschaftlichen Scholochow-Universität Moskau für die russische Seite. Neben diesen hauptverantwortlichen Institutionen konnten folgende akademische Kooperationspartner gewonnen werden:
  • Institut für Inklusive Erziehung der Moskauer Psychologisch-Pädagogischen Universität
  • Institut für Rehabilitationswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Hochschule Emden/Leer
  • Niedersächsisches Studienseminar für das Lehramt für Sonderpädagogik Hannover.
Aus dem zivilgesellschaftlichen Sektor waren bei der Vorbereitung folgende Organisationen vertreten:
  • Bund heilpädagogischer und sozialtherapeutischer Einrichtungen Russlands
  • Nichtstaatliche Bildungseinrichtung „Schule des Hl. Georg“, Moskau
  • Rollstuhlfahrer-Organisation „Assoziazija D esnica“, Samara
  • Assoziation „Ravnye vozmozhnosti“, Pskov
  • Heilpädagogisches Zentrum, Pskov
  • Perspektive Russland e.V., Frankfurt/M.
  • Zentrum für soziale Entwicklung und Selbsthilfe „Perspektiva“, Moskau
  • Regionale Behinderten-Organisation „Perspektiva“, Moskau
  • Freunde der Erziehungskunst, Berlin.

SCHIRMHERREN, TEILNEHMER, GELEITWORTE

Unter der Schirmherrschaft des deutschen MdB Franz Thönnes und des russischen Duma-Abgeordneten Oleg Smolin nahmen über 300 Fachkräfte aus ganz Russland, darunter Moskau, Irkutsk, Ekaterinburg,  Novosibirsk, Kaliningrad, Archangelsk, Volgograd, Saratov, Nizhnij Novgorod, Severodvinsk, St. Petersburg, den Gebieten Marij El, Ingushetien, Sacha (Jakutien), Bashkortostan, Tshuvashija und Tataristan, sowie Spezialisten und Studenten
aus der Ukraine, dem Baltikum, Moldavien, Georgien, Kirgisien, Weißrussland, Deutschland, der Schweiz, Tschechien, Frankreich und Norwegen an Vorträgen und Workshops deutscher und russischer Referenten teil, tauschten sich miteinander aus über Fragen, Probleme und positive Erlebnisse im Bereich der Entwicklung inklusiver Pädagogik in beiden Ländern.
Botschafter Brandenburg begrüßte die Teilnehmer auf der Eröffnungsfeier und hob hervor, dass man sich auf dem Kongress praxisnah mit wirklichen Problemen realer deutscher und russischer Menschen mit Behinderungen befassen werde und nicht mit formalen Fragen oder erfundenen Problemen, von denen sonst in den deutsch-russischen zivilgesellschaftlichen Beziehungen oft die Rede sei. Das werde gelingen, weil Praktiker mit Erfahrung in konkreter bilateraler Zusammenarbeit für den Kongress verantwortlich zeichneten, die bisher deutlich zu wenig in den offiziellen bilateralen Austausch einbezogen würden.
 
Der Vorsitzende des Präsidentenrates für Zivilgesellschaft und Menschenrechte Michail Fedotov betonte, dass solche Veranstaltungen auch den Petersburger Dialog beleben und weiterentwickeln, was dieser dringend nötig habe. Elena Zhemkova, Geschäftsführerin von Memorial International (Moskau), bewertete den Kongress als „Lichtblick“ in den angespannten deutsch-russischen zivilgesellschaftlichen und staatlichen Arbeitszusammenhängen und hielt ein nachdrückliches Plädoyer für die Weiterführung und Förderung der Gesamtarbeit des Sozialforums. An dieser gelungenen deutsch-russischen Kooperation könnten sich viele russische NGOs, nicht nur soziale, die zurzeit angesichts der anhaltend ungewissen Lage in Angst und Depression verfielen, wieder aufrichten.

VORTRÄGE, WORKSHOPS

Grundverschiedene pädagogische Ansätze im respektvollen Diskurs

Die Delegationen der deutschen und russischen Referenten waren fachlich und menschlich vielfältig und kompetent besetzt, wie die Themen der Vorträge und Workshops im Programm bestätigen (Anlage):
Prof. em. Dr. Georg Feuser (ehemals Universitäten Bremen und Zürich) hielt am Eröffnungstag nach den offiziellen Begrüßungsansprachen den deutschen Grundsatzvortrag „Was braucht der Mensch? Teilhabe und Inklusion – eine humanwissenschaftliche Begründung“. Weitere Vorträge hielten Dr. Thomas Maschke (Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität Mannheim): „Inklusion und Waldorfpädagogik – Aspekte der Bedingungen und Möglichkeiten einer ‚alternativen’ Pädagogik“ sowie Dr. Rainald Eichholz (ehemals Familienministerium NRW): „Anthropologische Grundlagen der Inklusion“.

Den russischen Grundsatzvortrag hielt Prof. Dr. Evgenij Jamburg (Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften) mit dem Titel „Gefahren und Herausforderungen. Eine Entwicklungsstrategie für das Bildungswe-sen“. Hier trat zum ersten Mal eine in Deutschland aktuell ungewohnte Sichtweise von
„Behinderung“ zutage, die kurz als deutlich defizitär und biologistisch charakterisiert werden kann. Weitere Vorträge hielten Prof. Dr. Svetlana Alechina von der Psychologisch-Pädagogischen Universität Moskau („Bereitschaft des Lehrers zur inklusiven Bil-dung“), Prof. Dr. Ilja Evtushenko, der als
Dekan deutlich die sonderpädagogische Sichtweise in den Vordergrund stellte („Probleme und Perspektive der Entwicklung der Fakultät für Defektologie der Moskauer Staatlichen Humanwissenschaftlichen Scholochow-Univer-sität“) und Prof. Dr. Ljudmila Shipizina, Rektorin der nichtstaatlichen Bildungseinrichtung „R.-Wallenberg-Institut für spezielle Pädagogik und Psychologie“, St. Petersburg, die sich mit dem Für und Wider der integrativen und inklusiven Ansätze in der Pädagogik auseinandersetzte und einen Überblick über Entwicklungen in Russland gab.
Der Kongresstitel „Herausforderung Inklusion?“ macht besonders mit dem hinter die beiden Begriffe gesetzten Fragezeichen den suchenden und dialogischen Charakter der drei Arbeitstage (sowie der Vor- und Nachbereitungen) deutlich: Ist die durch die Ratifizierung der „UN-Behindertenrechts-Konvention“ (völker )rechtlich verbindliche Umsetzung eines „inklusiven Bildungswesens auf allen Ebenen“ (Art. 24) in erster Linie Herausforderung, gar Zumutung, oder auch Chance? Wie können Menschen aus zwei Staaten mit unterschiedlichen Bildungstraditionen (besonders für Menschen mit Beeinträchtigungen) miteinander diese „Generationenaufgabe“ bedenken, diskutieren und konstruktive Ideen entwickeln – in achtungsvoller und empathischer Weise?

Besonders in den Arbeitsphasen der Workshops kam es zu deutsch-russischen Begegnungen durch Zuhören, engagiertes Diskutieren, Fragen. Die jeweiligen Eigenheiten der Referenten kamen hier durchaus positiv zum Tragen. So provozierte beispielsweise Dr. Ilja Seifert (MdB, Die Linke) mit seiner Forderung nach „Sonderschulen für alle“ und der fundamentalen Hinterfragung
gebräuchlicher Begriffe im Alltag. Das russische „Invalide“ leitet sich etymologisch  in-valid = un-wert her, wird aber in Russland nicht als diskriminierend betrachtet. Auch die Vorstellungen einiger junger Kolleginnen mit den Berufsbezeichnungen „Defektologin“ oder „Oligophrenistin“ erweckten zunächst Erstaunen auf Seiten deutscher Teilnehmer, wurden aber auch als Ausdruck der primär medizinisch (oder
biologistisch) geprägten Tradition der russischen Sonderpädagogik interpretiert. Großes Interesse besonders der russischen Teilnehmer fanden die deutschen Workshops, welche inklusive Praxis vorstellten, z.B. die Entwicklungen inklusiver Schulpraxis (siehe Berichte in Anlage). Der Andrang war so groß, dass vier deutsche Workshops wiederholt werden mussten. Die Workshops dienten also dem Austausch und der Vertiefung spezifischer Gesichtspunkte.  Eindrucksvoll waren die persönlichen Begegnungen. Besonders die mitgereisten Studierenden des Mannheimer Instituts erlebten diesen kulturellen, menschlichen und fachlichen Austausch in einer besonderen Weise (siehe hierzu auch ihre Berichte), die in lebhafter Weise die tiefen und weiter wirkenden Erlebnisse während des Kongresses veranschaulichen (Anlage).

PODIUMSDISKUSSION, WEITERE RESULTATE

Am dritten und letzten Veranstaltungstag wurden im Plenum verschiedene Ansätze für die Umsetzung bzw. das Errei-chen von Inklusion vorgestellt. Eine Podiumsdiskussion führte auch Meinungsverschiedenheiten, gerade in Bezug auf den Erhalt von Sondereinrichtungen, allen Teilnehmern deutlich vor Augen. Eindrucksvoll schilderte beispielsweise eine Mutter ihren Kampf um adäquate schulische Bildung für ihre beeinträchtigte Tochter. Ein blinder Universitätsdozent stellte stolz fest, dass er dankbar für seine Erziehung in einem Spezial-Internat sei, welche ihm die Grundlagen für seine Integration in die russische Gesellschaft gegeben hätte. Deutsch-russische Partnerprojekte (z.B. Kaluga) wurden ebenso dar- wie persönliche Schicksale vorgestellt. Das Ringen um einen Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe war allen Beitragenden gemein.

Die vorbereitete Abschlussresolution wurde auf diesem Hintergrund vehement diskutiert und konnte letztlich als Kompromiss verabschiedet werden (Anlage). Hierbei wurde deutlich, dass es auch in Zukunft weitere Diskussionen in der deutsch-russischen Zusammenarbeit braucht, um partnerschaftlich mit- und voneinander zu lernen.

Alle Vorträge und Ausarbeitungen der Workshops sollen in einem deutschen Fachverlag in einem deutsch-russischen Dokumentations-Band publiziert werden, auch und besonders als Basis weiteren fachlichen Austausches. Die Scholochow-Universität plant eine russische Publikation mit eingereichten Beiträgen von Teilnehmern. Die deut-schen Dozenten erklärten sich durchweg bereit, Hospitationen und Praktika zu vermitteln und hatten viele Anfragen. Mehrere neue deutsch-russische und innerrussische Kooperationen wurden auf den Weg gebracht. Ferner wurde verabredet, das kürzlich erschienene Grundlagenwerk „Lehrerbildung auf dem Prüfstand. Welche Qualifikationen braucht die inklusive Schule?“ von Feuser und Maschke in Russland herauszubringen.

DANK DEN FÖRDERERN

Ohne die engagierte und in dieser Weise zuvor nicht absehbare Arbeit der Vorsitzenden von „Perspektive Russland e.V.“ sowie maßgeblichen Initiatorin des Sozialforums Anne Hofinga und deren Mitarbeiterinnen vom „Centr Perspektiva“ in Moskau hätte der Kongress nicht durchgeführt werden können. Ursprünglich war verabredet, dass die Verantwortung für den Kongress inhaltlich und organisatorisch vollständig bei den beiden verantwortlichen Hochschulen liegen sollte. Bereits bei der inhaltlichen Vorbereitung wurde jedoch sehr schnell eine sprachliche Vermittlung nötig, damit eine gemeinsame Planung überhaupt möglich wurde. Diese übernahm Anne Hofinga. Wenig später mussten sie und ihre Mitarbeiter von „Perspektive Russland e.V.“ und „Centr Perspektiva“  die gesamte russische Informationstätigkeit übernehmen. Als sich im Mai herausstellte, dass die russischen Universitäten immer noch keine Unterkünfte für die deutschen Dozenten bereitgestellt hatten, übernahmen sie auch fast die gesamte Organisation und Logistik. Eine Woche vor dem Kongress wurde nach einseitigen Änderungen durch die russischen Universitäten die Neuverhandlung des Programms nötig, die Anne Hofinga koordinierte. Ihre Mitarbeiter erstellten Förderanträge an Stiftungen und leisteten endlose unbezahlte Überstunden, damit der Kongress ein großer Erfolg werden konnte. In dieser kurzen Schilderung klingt an, mit welchen Problemen das Sozialforum bei der Kongressvorbereitung zu kämpfen hatte. Bevor künftige größere Projekte in Angriff genommen werden, sollen daher zunächst im Sozialforum selbst verlässliche Strukturen entstehen, innerhalb derer die Arbeitsbelast ung bei Großvorhaben auf mehr Schultern verteilt werden kann.

Inklusion lebt aus und durch persönliche Begegnungen. Diese konnten in Moskau auf fachlicher und persönlich-sozialer Ebene stattfinden.  Ohne die finanzielle Unterstützung folgender Stiftungen wäre der Kongress, wären die Begegnungen nicht möglich gewesen. Ihnen gilt neben den bereits benannten Partner-Organisationen ein besonderer Dank: Stiftung West-Östliche Begegnungen, Friedrich-Ebert-Stiftung, Robert-Bosch-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Freunde der Erziehungskunst e.V.. Unterstützung kam auch von der deutschen Seite des Pe-tersburger Dialogs, der bei den Visa half und mit dem russischen Präsidentenrat für Zivilgesellschaft und Men-schenrechte Informationen über den Kongress an die Medien vermittelte.
 
Mit einem Zitat der Präsentation von Ulrike Barth soll dieser Bericht vom Moskauer Kongress enden, eine mögliche Perspektive der deutsch-russischen Zusammenarbeit im Bereich inklusiver Bildung aufzeigend:

Orientierung – Richtung
Wohin die Reise auch geht,
hängt nicht davon ab,
woher der Wind weht,
sondern wie man die Segel setzt.

 
 Dr. Thomas Maschke            Dr. Tamara Isaeva
Initiator des Sozialforums            Koordinatorin des Sozialforums