II RUSSISCHER KONGRESS FÜR MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN

Unter dem Motto „Ohne das Kleine gibt es kein Ganzes. Finde deinen Edelstein!“ fand vom 24.-28. September 2012 in Jekaterinburg der II. Russische Kongress für Menschen mit Behinderungen statt. Er führte 370 Teilnehmer − Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Begleiter und Fachleute − aus 25 Städten Russlands von Ussurijsk bis Pskow, von Rostow am Don bis Surgut zusammen, die 48 Einrichtungen vertraten. Hinzu kamen Gäste aus Deutschland, Schweden, Norwegen, Serbien, Österreich, Lettland, Kasachstan und anderen Staaten. Dies war bereits der zweite Kongress dieser Art in Russland. Er führte die Idee der Europäischen Kongresse „In der Begegnung leben” weiter.
DIE VERANSTALTER
Veranstalter war wie bereits 2010 in Moskau die „Assoziation heilpädagogischer und sozialtherapeutischer Organisationen Russlands”. Sie wurde unterstützt vom Deutsch-Russischen Sozialforum im Rahmen des Petersburger Dialogs. Das Organisationskomitee vor Ort wurde von vier gemeinnützigen Organisationen gebildet: „Blagoje delo”, dem „Institut für sozialpädagogische Innovationen”, dem „Öko-Zentrum Naturalia” und „Semargl”.
DIE SCHIRMHERRSCHAFT UND IHRE AUSWIRKUNGEN
Anne Hofinga, Initiatorin des Deutsch-Russischen Sozialforums, konnte die Koordinatoren der Arbeitsgruppe „Zivilgesellschaft“ des Petersburger Dialogs für die Schirmherrschaft über den Kongress gewinnen. Dank dieser Schirmherrschaft und der Unterstützung durch das Sozialforum gab es eine breite Unterstützung seitens der örtlichen Behörden, insbesondere der Ombudsfrau für Menschenrechte, des Gouverneurs und der Regierung des Gebiets Swerdlowsk. Das regionale Ministerium für Sozialpolitik unterstützte den Kongress mit einer bedeutenden Zuwendung, veranlasste die Präsenz in den Medien, ordnete allen Teilnehmergruppen Mitarbeiter städtischer sozialer Dienste zur Unterstützung zu, stellte behindertengerechte Wagen und Fahrer für den Transport besonders gehandicapter Teilnehmer und ermöglichte die Nutzung des zentral gelegenen Kulturzentrums „Ural“ als Tagungsort. Etwa 100 Studenten aus neun Hoch- und Fachschulen Jekaterinburgs halfen bei der Gesamtorganisation und der Durchführung der Workshops. Ca. 50 junge Soldaten halfen bei den Exkursionen dabei, Treppen, Bordkanten und andere Hindernisse zu überwinden.
KONTRAST ZUM ERSTEN RUSSISCHEN KONGRESS IN MOSKAU
Die umfassende Förderung seitens der Behörden in Jekaterinburg stellte einen großen Kontrast zum ersten Kongress 2010 in Moskau dar, der noch nicht mit Unterstützung des Sozialforums stattfinden konnte. Er wurde damals von den städtischen Ämtern vollständig ignoriert und musste sogar den Tagungsort weit ins Moskauer Gebiet verlegen, weil die Hotels Moskaus von oben „wohlmeinende Ratschläge“ bekommen hatten, knapp 400 schwer- und schwerstbehinderten Menschen nicht die Möglichkeit zu geben, in Moskau öffentlich sichtbar gemeinsam zu tagen. So viel Elend hätte ja das Image der Stadt beschädigen können… Einmal mehr zeigt sich, dass wichtige Dinge sich in Russland weit fruchtbarer umsetzen lassen, wenn sie von möglichst weit oben gutgeheißen werden. Das bestätigt die Anbindung des Sozialforums an den Petersburger Dialog, dessen hoher politischer Stellenwert es ermöglicht, soziale Thematiken auf so hohen staatlichen Ebenen anzubringen und gleichzeitig in nicht betroffenen Kreisen öffentliches Interesse zu bewirken, dass für die Betroffenen zeitnah Lösungen erzielt werden können.
THEMEN
Das Programm war reichhaltig und abwechslungsreich. Der Initiator und Organisator der „Internationalen Kongresse für Menschen mit Behinderungen“ Thomas Krause (Berlin) führte in die Idee der Kongresse ein und berichtete von Treffen in Europa, Südamerika und Asien. Brigitte Deck (Järna, Schweden), Dr. Tamara Isaeva mit Evgenija Vinogradova, die am Down-Syndrom leidet, (Moskau) und Svetlana Zub (Novouralsk) referierten zu sozialen Themen wie „Würde − ein individuelles Gut. Würde − ein soziales Gut“. Anne Hofinga (Moskau) stellte das Deutsch-Russische Sozialforum und dessen Internetplattform vor und lud die anwesenden Fachleute und sozialen Organisationen zur Teilnahme ein. Ein Trainer der russischen Delegation berichtete von seiner Teilnahme an den Paralympics in London.
WORKSHOPS
Es gab vierzehn Workshops, die praktische handwerkliche Fertigkeiten, kreatives Denken oder künstlerisches und sportliches Können vermittelten, darunter Trommeln, Korbflechten, Volkstänze, „Technologien für das Entwickeln kreativen Denkens“, Filzen, aber auch solche ungewöhnlichen wie Kehlgesang und Bogenschießen.
RUNDE TISCHE
Aktuelle Probleme von Menschen mit Behinderungen wurden an zwölf Runden Tischen diskutiert, an denen u.a. auch Vertreter städtischer und föderaler Strukturen und der Wirtschaft teilnahmen. Themen waren z.B. „Der Schutz der Rechte von Behinderten in der europäischen und russischen Gerichtspraxis“, „Strategien für per-sönlichen Erfolg unter den Bedingungen einer Behinderung (Initiative und Selbständigkeit)“, „Moderne Methoden bei der Organisation des Rehabilitationsprozesses in sozialen Einrichtungen“, aber auch barrierelose Umgebung, Arbeitsvermittlung, Beschäftigung und Ausbildung. Die Teilnehmer, deren Meinung oder Ideen sonst bestenfalls von Betreuern vermittelt werden, hatten die Gelegenheit, unmittelbar selbst ihren Standpunkt zu äußern und Meinungen, Erfahrungen und Ideen auszutauschen.
EXKURSIONEN
Verschiedene Exkursionen rundeten das Kongressangebot ab. Zahlreiche kleine und große Künstler aus Jekaterinburg und der Auftritt des Rockmusikers Wladimir Schachrin trugen dazu bei, dass die Eröffnungsfeier unvergesslich wurde. Ein Höhepunkt wurde der Talenteabend “Goldfelder meiner Seele”, den die Teilnehmer des Kongresses mit eigenen Auftritten selbst gestalteten. Sie bewiesen allen Zuschauern, dass ihre Möglichkeiten wirklich unbeschränkt sind und ihre innere Kraft, ihr Optimismus und ihr Selbstvertrauen der ganzen Gesellschaft als Vorbild dienen können.
 
FACHMESSE TECHNISCHE HILFSMITTEL
Am Rande des Kongresses gab es eine Fachmesse für technischen Rehabilitationsbedarf. Eine bunte Ausstellung zeigte die Erzeugnisse der Behindertenwerkstätten, Fotos und Informationsmaterial der am Kongress teilnehmenden Einrichtungen.
 
MEDIENECHO
In den örtlichen Medien fand der Kongress ein breites Echo. Auf vier Fernsehsendern und auf Werbebildflächen in der ganzen Stadt liefen Berichte. Abschließend haben die Kongressteilnehmer eine Resolution erarbeitet und an die zuständigen staatlichen Stellen übersandt.
LANGER WEG ZU EINER MENSCHLICHEREN GESELLSCHAFT
Insgesamt ist der Kongress als großer Erfolg und wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer offeneren und menschlicheren Gesellschaft zu werten. Es gab unzählige Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen. Die freiwilligen Helfer und die jungen Soldaten verloren ihre Scheu vor dem Anblick und dem Umgang mit behinderten Menschen, die man bis heute in Russland nur selten auf der Straße sieht. Viele der erwachsenen Behinderten hatten noch nie ihre Stadt oder ihre Eltern verlassen. Für sie war nicht nur der Kongress selbst, sondern auch die An- und Abreise ein großes Erlebnis. Sie kehrten mit vielen Eindrücken, neuen Anregungen und gewachsenem Selbstvertrauen nach Hause zurück.
 
NACHHALTIGER EFFEKT FÜR EINE GANZE REGION
Noch Monate später berichteten nichtstaatliche Behinderten-Organisationen aus dem ganzen Gebiet Sverdlosk davon, daß der Kongress ihr gesamtes Standing gegenüber staatlichen Stellen grundlegend verändert habe und die Zusammenarbeit wesentlich reibungsloser gelinge.