AUSTAUSCH BLINDER SCHÜLER

BBO MIT DER HIRSCHBAND IN ST. PETERSBURG
Vom 4. bis 8. Juni 2012 war die Behindertenbegegnungsstätte Osterburken (BBO) zusammen mit der Hirsch-Band der Betty-Hirsch-Schule (Schule für Blinde und Sehbehinderte der Stiftung Nikolauspflege Stuttgart) mit insgesamt 24 Teilnehmern zu einem fünftägigen Besuch von St. Petersburg in der Russischen Föderation. Die ersten Kontakte zum dortigen Kinderheim Nr. 10 waren 2008 beim Festival Europa MAKEL LOS in Osterburken entstanden, dann 2011 beim Nachfolgefestival in Fribourg/CH vertieft worden und führten jetzt zum von BBO-Leiter Werner Sabel- haus über ein Jahr intensiv vorbereiteten Gegenbesuch in St. Petersburg. Eine große Hilfe bei der Vorbereitung war das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in St. Petersburg.
Die dreizehn Teilnehmer der Betty-Hirsch-Schule – darunter sieben blinde oder sehbehinderte Schüler – waren zusammen mit Schulleiter Peter Greiner und den Lehrern Klaus Schweizer und Anne-Barbara Ostermann, sowie dem FSJ-ler Konrad Greiner und dem Musiker Horst Tögel (Brenz Band, Ludwigsburg) bereits um vier Uhr morgens an der Betty-Hirsch-Schule gestartet. Man traf sich um 7 Uhr mit der elfköpfigen Delegation aus Osterburken am Terminal I des Frankfurter Flughafens. Der Flug mit der Lufthansa war natürlich besonders für die blinden Schüler das erste außerordentlich aufregende Erlebnis dieser anEindrücken so reichen Reise nach St. Petersburg. Am Flughafen Pulkova-2 in St. Petersburg wurden alle von der Leiterin des Kinderheims Nr. 10 (Heim für ca. 60 Waisenkinder) Natalia Michailowna Fjodorowa mit überschwänglicher Herzlichkeit begrüßt. Angekommen im Kinderheim erwartete die Reisegruppe die erste Überraschung. Die Vizebürgermeisterin des Rajon Kirow (Stadtteil von St. Petersburg mit 340.000 Einwohnern) Irina Borissowna Bojzova begrüßte alle mit großer Freundlichkeit. Sprachprobleme gab es nicht, weil drei Dolmetscherinnen die Kommunikation sicherstellten: Katharina Funk von der Stadt Osterburken dolmetschte Russisch-Deutsch, Xenia Zwald-Kupcova – gebürtige St. Petersburgerin – aus Fribourg/CH war für die Übersetzung vom Russischen ins Französische und Irmgard Hesselbach von der BBO für die Übersetzungen vom Französischen ins Deutsche zuständig. Man wohnte übrigens kostenlos im Kinderheim Nr. 10 und wurde beim Frühstück und Abendessen zum Selbstkostenpreis mit auch typisch russischen Gerichten geradezu verwöhnt. Überdies standen drei Kleinbusse des Kinderheims mit Fahrern während des gesamten Aufenthaltes kostenlos zur Verfügung, was bei der Größe der Stadt mit fast fünf Millionen Einwohnern und einem „mörderischen“ Verkehr dort eine große Hilfe war. Finanziert wurde diese Reise aus Eigenanteilen nicht behinderter Teilnehmer, aus Spendenerlösen aus Auftritten der Hirsch-Band vor der Reise, einem Zuschuss der Sparkasse Neckartal-Odenwald aus dem Prämiensparen, einem Zuschuss des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland in St. Petersburg und einem satzungsgemäßen Zuschuss des Fördervereins BBO.
SCHIRMHERRSCHAFT
Das gesamte Projekt stand unter der Schirmherrschaft des Sozialforums im Petersburger Dialog. Frau Anne Hofinga (Moskau) vom Sozialforum im Petersburger Dialog hat dieses Projekt wohlwollend unterstützt und ideell gefördert. Bei allen öffentlichen Auftritten der Hirsch-Band in St. Petersburg wurde diese Schirmherrschaft – auch in russischer Sprache – dokumentiert.
 
ÖFFENTLICHE KONZERTE DER BAND BLINDER SCHÜLER
Die Zugehörigkeit zur Hirsch-Band und damit verbundene öffentliche Auftritte bedeuten für die Schülerinnen und Schüler enorm viel. Ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstbewusstsein werden ganz erheblich gestärkt. Sie können stolz auf sich und ihre Leistung sein und bauen gerade zu den mitspielenden nicht behinderten Erwachsenen eine besonders starke Bindung auf. Ihre Fröhlichkeit wirkt ansteckend und begeisternd. Ihre Stärke liegt in der unkonventionellen Darbietung von bekannten Schlagermelodien und Ohrwürmern zu schrägen und respektlosen Texten, die aus ihrer Sicht Liebe, menschliche Schwächen und Kleinigkeiten des Alltags beleuchten. Vielfältige Perkussionsinstrumente, Streichinstrumente, verschiedene Gitarren und virtuos eingestreute Mundharmonikasoli begleiten solistischen und chorischen Gesang. Die in St. Petersburg vorgetragenen Stücke bildeten eine Auswahl aus selbst gestalteten Musicals der Hirsch-Band, die in den letzten Jahren zusammen mit dem Stuttgarter Kammerorchester erarbeitet und aufgeführt wurden. Texter dieser ‚schrägen’ und pfiffigen Musicals ist Klaus Schweizer von der Betty-Hirsch-Schule.

Das erste und wohl wichtigste Konzert fand vor dem Schachbrett-Katarakt im weltberühmten Peterhof statt. Zur Überraschung aller drehte dort ein Team des russischen Fernsehens eine Dokumentation über die Situation Behinderter im Land und stellte die Hirsch-Band als Beispiel dar, wie anderswo Behinderte gefördert werden. Der Vorsitzende des Fördervereins BBO, Bürgermeister Jürgen Galm (Osterburken), stellte in einem Interview die Arbeit der BBO ausführlich vor. Er wies ausdrücklich auf das Verbindende der Musik über alle Grenzen hinweg hin.
 
Abends war in Zusammenarbeit mit dem deutschen Generalkonsulat ein Konzert in der evangelisch-lutherischen Petrikirche am belebten und weltberühmten Newski-Prospekt vorgesehen. Anderntags lag eine Einladung, in der Buchhandlung „Bukvojed“ (Bücherwurm) ein Konzert zu geben, vor. Neben diesen öffentlichen Auftritten, die große Beachtung fanden, gab es auch private Anlässe zu Ständchen: Die Silberhochzeit des Ehepaars Galm und das Dankeschön für Natalia und ihr Team, die die Hirsch-Band und BBO-ler während ihres fünftägigen Aufenthalts so verwöhnt und so gut betreut hatten. Neu zum Betreuerteam der BBO war das Ehepaar Galm gestoßen. Die in der Betreuung von Menschen mit Behinderungen ja sehr erfahrenen BBO-ler waren dann doch überrascht und erstaunt, mit welchem Feingefühl und mit welcher Professionalität Silvia und Jirgen ihre voll erblindete Bobana aus Bad Cannstatt betreuten und umsorgten.
 
DIE GROTH-SCHULE FÜR 300 SEHBEHINDERTE, ST. PETERSBURG
Die Groth-Schule in St. Petersburg, eine Schule für 300 Sehbehinderte, Blinde und mehrfach Behinderte, ist die Partnerschule der Stuttgarter Betty-Hirsch-Schule und wird finanziell von der Nikolauspflege Stuttgart unterstützt. Hier fand vor Lehrern und Bediensteten der Schule ein weiterer Auftritt der Hirsch-Band statt. In einem Video stellte die Groth-Schule ihre musikalische Arbeit vor. Hier trafen allerdings Welten aufeinander: Einerseits der auf enorm hohem musikalischem Niveau stehende Vortrag der blinden russischen Jugendlichen, der wohl nur mit viel Üben zu erreichen ist, andererseits die unbekümmerte und lockere Fröhlichkeit der deutschen Band, die mit Augenzwinkern auch einmal einen schrägen Ton duldet.
 
Das touristische Beiprogramm mit einem nächtlichen Ausflug zur Öffnung der Brücken über die Newa, dem Besuch der Peter-und-Paul-Festung und der Besichtigung der gewaltigen Isaaks-Kathedrale kam vielleicht etwas zu kurz, weil die Auftritte der Blinden und Sehbehinderten  eben im Mittelpunkt dieser unvergesslichen Reise des BBO-Betreuerteams mit der Hirsch-Band stand. Und weil es in St. Petersburg, das auf fast 60° nördlicher Breite liegt, nachts im Sommer nicht dunkel wird – man spricht von den „Weißen Nächten“ – waren diese Nächte ziemlich kurz. Sie wurden zu einem regen Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrern der Betty-Hirsch-Schule und dem Betreuerteam der BBO intensiv genutzt. Weil die Kontakte zum Kinderheim Nr. 10 und zur Groth-Schule in St. Petersburg nicht abreißen sollen, sind weitere Begegnungen vorgesehen.

Bericht: Irmgard Hesselbach und Werner Sabelhaus, Behinderten-Begenungsstätte Osterburken (BBO)
Bildnachweis: Auftritt der Hirsch-Band vor dem Schachbrettkatarakt im Peterhof – Links BBO-Leiter Werner Sabelhaus mit dem Plakat des Sozialforums, rechts Bürgermeister Jürgen Galm (Osterburken, Vorsitzender des Fördervereins BBO) mit dem Plakat der Hirsch-Band (in Russisch)
Gruppenfoto von Hirsch-Band und BBO-Betreuerteam im Kinderheim Nr. 10 – Von links: Direktorin des Kinderheims Nr. 10, Natalia Michailowna Fjodorowa, Bürgermeister Jürgen Galm (Osterburken), Vizebürgermeisterin Rajon Kirow / St. Petersburg, Irina Borissowna Bojzowa