ALTENHILFE


ALTSEIN UND ALTWERDEN IM HEUTIGEN RUSSLAND

ZUR LAGE DER EHEMALIGEN OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS UND STALINISMUS

Elena Zhemkova

 

Die Situation mit älteren Menschen in Russland hat ihre Spezifik. Wichtig ist, die Akzeptanz der Tatsache, dass ältere Menschen ein wichtiges gesellschaftliches Potential darstellen, zu fördern.

Laut Klassifizierung der UNO versteht man unter älteren Menschen Frauen im Alter von 55 - 60 und Männer im Alter von 60 - 65 Jahren und darüber hinaus. Als jung wird ein Staat bezeichnet, in dem sich der Anteil an älteren Menschen auf weniger als 4% beläuft. Ein alter Staat dagegen ist einer, wo dieser Prozentsatz mehr als 7% ausmacht.

WIE SIEHT DIE LAGE IN RUSSLAND AUS?

1. Im Jahre 1939 war Russland ein junger Staat, zurzeit haben wir bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 143 Mio. Einwohner 23 Mio. ältere Menschen, davon 1,5 Mio. Pflegebedürftige. Allerdings muss man verstehen, dass Russland als ein alter Staat eine Errungenschaft ist. Das ist ein natürlicher, für die Mehrheit von wirtschaftlich entwickelten  Ländern charakteristischer Prozess, es ist die Folge der verbesserten medizinischen Versorgung, Senkung der Kindersterblichkeitsrate  und Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung.

2. Der Anteil an älteren Menschen ist in Russland regional betrachtet unterschiedlich, in einigen Regionen erreicht dieser ein Drittel der Gesamtbevölkerungszahl. Bereits 2000 überstieg der Anteil an älteren Menschen in 36 Subjekten der Russischen Föderation die Marke 26 %. Es gibt mehr ältere Frauen als ältere Männer, das heißt, Altsein hat in Russland ein weibliches Gesicht.

3. Die meisten alten Leute leben in den Städten. Das ist praktisch die Kategorie, die eine gezielte Unterstützung braucht. Leben die alten Leute in einem Dorf, insbesondere in einem schwach besiedelten Gebiet, so ist ihre Situation wesentlich schlechter, als die ihrer Gleichaltrigen in der Stadt. Das ist vor allem mit der physischen Unmöglichkeit für Sozialdienste, diese Leute zu erreichen, verbunden.

4. Unter älteren Menschen ist der spezifische Anteil an Akademikern und Fachgebildeten sehr hoch. Die russischen Alten sind gut gebildet. In vielerlei Hinsicht ist das ein Potential: fürs Ehrenamt, für die Ausbildung und für die Lebenserfahrung für die Lösung verschiedener psychologischer und sozialer Probleme.

5. Der spezifische Anteil an de facto alleinstehenden Menschen steigt. Rein formal betrachtet, sind sie gar nicht  alleinstehend – sie haben Verwandtschaft, allerdings bekommen sie von ihrer Verwandtschaft keine Hilfe.

6. Leider wächst der Abhängigkeitsgrad der älteren Menschen vom Staat. Aus diesem Grunde wandelt ihre Lage stark und synchron mit den Veränderungen der Generallinie des Staates. Ältere Menschen bilden die typische Bevölkerungsgruppe mit niedriger Mobilität. Das sind auch Menschen mit Einschränkungen (wie Behinderte), nur mit beschränkten Möglichkeiten ihres Alters wegen.

OPFER DES NATIONASOZIALISMUS UND DES STALINISMUS
 
Nun einige Worte über zwei Kategorien innerhalb der großen Gemeinschaft von alten Menschen: die Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Ausgehend von den Angaben im letzten Vortrag der Rehabilitationskommission beim Präsidenten der Russischen Föderation sowie vom Gesetz über die Rehabilitation, beträgt die Anzahl der Personen, die in die Kategorie der unter Repressivmaßnahmen Gelittenen bzw. der Opfer von politischen Repressalien gehören, ca. eine Million Menschen. Über 600 Tausend Menschen können als Opfer des Nationalsozialismus bezeichnet werden.

Die Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus haben zweifellos ihre Spezifik. Eine der ernsthafteren Probleme besteht darin, dass wir nicht mit den direkten Opfern, die in KZ`s gewesen sind, zu tun haben, wenn wir heute von Opfern reden. In den meisten Fällen haben wir mit den Kindern dieser Leute zu tun, die als Opfer anerkannt sind. Und wenn wir uns mit den Leuten beschäftigen, die in ihrer Kindheit so stark traumatisiert worden sind, dann ist die Arbeit mit ihnen, ihre Sozialisation und Integration in ein mehr oder weniger geordnetes Leben viel schwieriger. Diese im Kindesalter traumatisierten Menschen sind heute 70-80 Jahre alt. Mit ihnen zu arbeiten ist schwierig.

WORIN BESTEHEN UNSERE AUFGABEN?

1. Äußerst wichtig ist, die Akzeptanz dessen zu fördern, dass ältere Menschen ein wichtiges Potential für die Gesellschaft darstellen. Dabei ist es grundsätzlich wichtig, dies sowohl auf der theoretischen Ebene, auf der von Deklarationen, als auch auf der praktischen Ebene zu tun.

2. Wir brauchen Beispiele für die besten Praktiken, wir brauchen praktische Vorbilder. Zum Beispiel, die Erfahrung des Programms „Treffpunkt Dialog“. Das war ein auf die Erhöhung des Status von älteren Menschen orientiertes Programm. In dessen Rahmen wurden fast 40 Regionalprojekte gestartet, mit vielen bemerkenswerten Ideen. Es entstand zum Beispiel die Idee, in einer Dorfbibliothek den älteren Menschen das Internet beizubringen – und sie wirkten plötzlich wie wiedergeboren. Irgendwelche unerwartet gefundenen Bekannten, die sie seit 60 Jahren nicht mehr gesehen haben. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich die Erfahrungen aus diesen 40 Regionalprojekten als Beispiele auf der Website des Sozialforums platzieren lassen.

3. Für uns ist es wichtig zu zeigen, dass wir Freiwillige für die Arbeit mit älteren Menschen brauchen. Ebenso wichtig aber ist zu verstehen und zu berücksichtigen, dass diese älteren Menschen selber oft die besten Freiwilligen sind, dass dies ein Weg für deren Integration in die sozialen Netze und gleichzeitig eine Hilfe für sie ist.